Die Frage der Erhältlichkeit

Bahnhofsbuchhandel oder der „Händler an der Ecke“: die Frage der Erhältlichkeit
Vor allem neu am Markt agierende Verlage geben ihren Lesern oft die Auskunft, ihre Zeitschrift wäre am Bahnhof erhältlich, bestenfalls wird auch noch der Fachbegriff „Bahnhofsbuchhandel“ (kurz: BB) genannt. Dennoch gibt es danach immer wieder Rückmeldungen der Leser, der betreffende Titel wäre dort nicht erhältlich. Die Ursache liegt in den meisten Fällen daran, dass der Leser als Laie natürlich nicht den Unterschied zwischen einem „normalen“ Pressehändler und einem Bahnhofsbuchhändler kennt.

Bahnhofsbuchhandel - ein mitunter irreführender Begriff

Die Bezeichnung „Bahnhofsbuchhändler“ an sich legt selbstverständlich den Schluss nahe, dass jede Verkaufsstelle im oder in unmittelbarer Nähe eines Bahnhofs automatisch in diese Händlergattung fällt. Tatsächlich jedoch zeichnen sich diese Händler nicht durch ihre Ortslage, sondern vielmehr durch bestimmte Kriterien wie Öffnungszeiten und Sortimentsbreite aus. Werden diese Kriterien erfüllt, so gilt der Status „Bahnhofsbuchhändler“ für alle Verlage einheitlich, die betreffende Verkaufsstelle wird dann von den Verlagen direkt und nicht, wie beim „Händler an der Ecke“, über einen Grossisten beliefert. Ändern sich die Kriterien, kann sich der Status einer Verkaufsstelle jederzeit wieder ändern. Als Beispiele sollen hier der Bahnhof Renningen (BB von Oktober 2003 bis März 2008), der Bahnhof Niebüll (BB bis Ende der 80er Jahre und dann wieder seit 2006) oder der Flughafen Nürnberg (seit Dezember 2007) genannt sein. Der Presseverkauf erfolgte dort vor, während oder nach diesen Zeiträumen, ganz gleich welchen Status die Geschäfte auch hatten, entweder als BB oder als „normaler“ Zeitungshändler. Der Unterschied wirkte sich lediglich auf die Erhältlichkeit von Titeln, die sich allein auf den Absatzkanal „Bahnhofsbuchhandel“ konzentriert hatten, aus. Hatte die Verkaufsstelle den Status „BB“ verloren und wurde fortan nur über den Grossisten beliefert, waren reine BB-Titel nicht mehr vor Ort verfügbar. Da für den Leser rein äußerlich kein Unterschied erkennbar war, hatte er den Eindruck, als hätten einige Titel ihr Erscheinen eingestellt.

Der Standort ist kein Kriterium
Dass allein die Standortfrage nicht ausschlaggebend für das Kriterium „Bahnhofsbuchhandel“ sein kann, ergibt sich auch aus anderen Punkten. So verfügt die Deutsche Bahn AG nach eigenen Angaben über 5.400 Stationen, im Bahnhofsbuchhandel gibt es dagegen jedoch „nur“ 400 Verkaufsstellen. Die Zahl der tatsächlich in den Bahnhöfen existierenden Verkaufsstellen liegt deutlich darüber.
Als Beispiel sei der Bahnhof Berlin-Alexanderplatz genannt: sechs Verkaufsstellen, drei davon zählen zum Bahnhofsbuchhandel, die anderen drei Standorte werden vom örtlichen Grossisten beliefert. Für den Leser ist jedoch jeder Standort eine Presseverkaufsstelle. Ist der gesuchte Titel beim ersten Händler nicht erhältlich, liegt für den Kunden der Gedanke nahe, dass die betreffende Zeitschrift dann wohl auch in den anderen Filialen nicht verfügbar sein wird. Auch andere Punkte sind oftmals verwirrend. „Erhältlich in den Bahnhöfen großer Städte“ ist ebenso irreführend. Die Städte Tornesch (13.000 Einwohner), Prien (10.050 Ew.), Bad Enndorf (7.700 Ew.) und Lauda (5.700 Ew.) können nun wahrlich nicht als größere Städte bezeichnet werden, verfügen jedoch alle über einen Bahnhofsbuchhändler. Dagegen haben die Verkaufsstellen in den Bahnhöfen Wetzlar (55.000 Ew.), Salzgitter (100.000 Ew.), Bergisch-Gladbach (105.000 Ew.), Bottrop (115.000 Ew.) oder Moers (105.000 Ew.) wiederum keinen BB-Status und werden daher allein über das Grosso beliefert.

Der lange Weg zur Zeitschrift
Nicht viel anders verhält es sich mit den Verkaufsstellen in den Flughäfen. Die Verkaufsstellen in den Airports Frankfurt/Main (ca. 53 Mio Fluggäste pro Jahr), München (ca. 29 Mio), Leipzig/Halle (ca. 2,1 Mio) und Bremen (ca. 1,7 Mio) haben BB-Status, die Geschäfte in den Flughäfen Düsseldorf (ca. 16 Mio), Köln/Bonn (ca. 9,5 Mio) oder Dortmund (ca. 1,8 Mio) dagegen nicht, sie werden über die Grossisten beliefert. Der aber wohl wesentlichste Punkt bei der Gegenüberstellung der Absatzkanäle „Einzel-“ und „Bahnhofsbuchhandel“ dürfte allerdings die räumliche Entfernung sein. Vor allem in ländlichen Regionen liegt die Entfernung zum nächsten BB nicht selten bei 40 bis 60 Kilometer. Niemand wird diese Entfernung auf sich nehmen, um eine Zeitschrift kaufen zu können. Dagegen gibt es in unmittelbarer Nähe stets andere Geschäftsarten wie Supermärkte, Tankstellen und Lottoannahmestellen, die vom Grosso mit Presse beliefert werden.