Frühremissionen

Das Thema Frühremission beschäftigt die Branche bereits seit Jahrzehnten. Selbst Arbeitsgruppen, die aus Vertretern des Grossoverbandes und dem Verlegerverband VDZ (Verband Deutscher Zeitschriftenverleger) zusammengesetzt wurden, konnten keine nachhaltige Besserung bewirken. Maßnahmen waren z.B., dass die Grossisten die von ihnen betreuten Einzelhändler anschrieben und diese auf die mit den durchgeführten Frühremissionen einhergehenden entgangenen Umsätzen aufmerksam machten.
Auch wurden durch die Grossisten Schulungen, Telefonaktionen und Besuche des Außendiensts vorgenommen. Jedoch konnte die Problematik mit allen durchgeführten Aktionen bislang nicht beseitigt werden. Schaut man sich im Detail an, wo die Frühremission entsteht, so stellt man fest, dass dieses Problem fast ausschließlich nur im klassischen Einzelhandel, selten jedoch im Bahnhofsbuchhandel (< 1 %) festzustellen ist. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass der Bahnhofsbuchhandel von den Verlagen direkt, der klassische Einzelhandel (Supermärkte, Tankstellen, der „Zeitungshändler an der Ecke") dagegen über den zwischengeschalteten Grossisten beliefert wird. Dies berücksichtigend muss sich demnach die Frage gestellt werden, welcher wesentliche Unterschied zwischen einer Verlagsdirektbelieferung und einer Grossobelieferung besteht.

Systembedingte Ursachen

Um als Einzelhändler durch einen Grossisten beliefert werden zu können, muss der Händler zunächst beim Grossisten eine Kaution hinterlegen. Schon hier zeigt sich der erste Unterschied zwischen Einzelhandel und Bahnhofsbuchhandel, da für diesen keine Kautionshinterlegung vorgesehen ist. Auch erhält der Einzelhandel eine wesentlich niedrigere Vergütung pro verkauftes Exemplar. Zwar ist der Abgabepreis der Verlage für die Vertriebskanäle „Bahnhofsbuchhandel" und „Einzelhandel" identisch, doch während der Bahnhofsbuchhandel die volle Handelsspanne erhält, wird diese im Einzelhandel in Abhängigkeit der Auflage einer bestimmten Zeitschrift zwischen Grossist und Händler gesplittet.

Führt das Grosso eine Umfrage unter den Einzelhändlern durch, so wird von diesen als Grund für Frühremissionen auch der Punkt „Kapitalbindung" genannt. Hierzu sei daran erinnert, dass die Verlage die ausgelieferte Ware zum Zeitpunkt des Erstverkaufstages gegenüber dem Grosso und dem Bahnhofsbuchhandel fakturieren, die Fälligkeit der Rechnungen ergibt sich jedoch aus dem Angebotszeitraum der jeweiligen Zeitschrift:
  • sowohl Grosso als auch der Bahnhofsbuchhandel begleichen die Rechnungen erst nach Vorlage der Remission der betreffenden Ausgabe
  • das Zahlungsziel liegt somit im Angebotszeitraum der Folgeausgabe. Dieses Zahlungsziel wird durch die Grossisten jedoch trotz vorliegender Kaution des Einzelhandels nicht an diesen weitergegeben.

Hierzu Auszüge aus den Liefer- und Zahlungsbedingungen einiger Grossisten gegenüber deren Einzelhändler:

BZH, Bremen
Unsere Rechnungen sind sofort fällig und so zu begleichen, dass die offenen Salden spätestens bis zu dem auf das Rechnungsdatum folgenden Donnerstag auf einem unserer Konten oder bis zu dem auf das Rechnungsdatum folgenden Freitag bei uns in bar oder mittels Scheck eingehen.

Lütkemeyer, Münster
Die Rechnungen unserer Firma sind sofort ohne Skonto und sonstige Abzüge zahlbar. Remittenden werden nach Vorliegen unserer Gutschriftsanzeige bei der nächstfolgenden Rechnung verrechnet.

PV Saar, Heusweiler
Alle Lieferungen einer Woche werden in einer Rechnung zusammengefasst, die nach Erhalt zahlbar ist. Rechtzeitige Zahlung ist besonders dann gewährleistet, wenn der Einzelhändler uns zur Bank- oder Postscheckabbuchung ermächtigt.

Aus Sicht des Einzelhändlers stellen somit Titel, die binnen einer Woche nicht verkauft wurden, eine Kapitalbindung dar, wodurch eine vorzeitige Remission Abhilfe schaffen könnte. Insbesondere der Umstand, dass trotz Kautionshinterlegung ein sofortiges Zahlungsziel vorgegeben ist, stößt oft auf Unverständnis. Diese Thematik wird jedoch durch die Verbände bislang nicht erkennbar hinterfragt, stattdessen sogar zuweilen als „unabdingbar" betrachtet.
Problematisch erscheint auch, dass die deutschen Pressehändler (anders als z.B. die Gruppe der Grossisten, die der Verleger oder die der Bahnhofsbuchhändler) sich nicht in einem eigenen bundesweit tätigen Verband organisiert haben, der die Kritikpunkte des Handels gegenüber seinen als Gebietsmonopolisten agierenden Grossisten zu Sprache bringen könnte.